Darum muss die Ukraine jederzeit die Kraft zur Selbstverteidigung haben: unabhängig davon, ob gerade über einen Waffenstillstand verhandelt wird oder ob Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden besteht. Verhandlungen können notwendig sein – aber sie ersetzen keine Verteidigungsfähigkeit. Ohne Stärke werden Gespräche zur Einladung an den Aggressor, Bedingungen zu diktieren. Frieden ist nur stabil, wenn er gesichert ist.
Aus dieser Überzeugung leite ich – in Übereinstimmung mit zentralen Thesen der JEF – eine klare politische Konsequenz ab: Europa muss Hauptstütze der Ukraine sein, schneller und strategischer als bisher.
Erstens: Die in der EU blockierten russischen Vermögenswerte dürfen nicht bloß eingefroren und verwaltet werden – sie müssen der Ukraine tatsächlich überlassen werden. Wer den Krieg führt, muss den Preis zahlen. Dafür braucht es rechtssichere europäische Wege, aber vor allem politischen Willen. Und das gilt zusätzlich und ganz unabhängig von dem europäischen Finanzierungspaket über 90 Milliarden Euro, das beim Brüsseler Gipfel im Dezember 2025 für 2026/27 beschlossen wurde: Kredite helfen – doch sie ersetzen keine gerechte Inanspruchnahme des Aggressors.
Zweitens: Europas und der Ukraine Schutz vor Raketen, Drohnen und Angriffen auf kritische Infrastruktur muss Priorität sein. Luftverteidigung ist nicht „Eskalation“, sondern Abschreckung. Wer Schutzlücken lässt, lädt zu weiteren Angriffen ein.
Drittens: Russland muss finanziell geschwächt werden – konsequent. Jede verbleibende Energie- oder Handelsabhängigkeit, direkte wie indirekte Umgehungskanäle, ist eine Einladung, den Krieg fortzusetzen. Energiepolitik ist Sicherheitspolitik.
Viertens: Europa muss entscheidungsfähig werden. Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die an Einzelveto und Blockade scheitert, ist im Ernstfall wirkungslos. Wenn Europa handlungsfähig sein soll, braucht es Mehrheitsentscheidungen, wo es um Sicherheit, Sanktionen und Unterstützung angegriffener Demokratien geht.
Fünftens: Die Ukraine braucht planbare Lieferketten, industrielle Kapazitäten und die Möglichkeit, ihre Verteidigung langfristig selbst zu organisieren – als Ausdruck von Souveränität. Dazu gehört, dass sie die zur Selbstverteidigung nötigen Systeme erhält, verlässlich und rechtzeitig, statt in Etappen, die dem Kreml Zeit verschaffen.
Sechstens: Wir müssen das Denk-Tabu überwinden, das besonders in Deutschland jede Debatte über europäische Sicherheitsgarantien erstickt. Wenn wir einen Waffenstillstand nicht nur verkünden, sondern absichern wollen – und langfristig einen Frieden mit verlässlichen Garantien ermöglichen –, dann muss Europa auch das Vorbehaltsrecht ernsthaft diskutieren, auf Einladung der Ukraine und im Rahmen des Völkerrechts zur Stabilisierung und Sicherung eines Waffenstillstands bzw. eines Friedens auch durch die Entsendung europäischer Truppen beizutragen. Solche Sicherheitsgarantien dürfen nicht länger ein unaussprechliches Tabu sein. Das ist nicht Kriegssehnsucht, sondern ein Schutzversprechen, das erst glaubwürdig ist, wenn es im Ernstfall auch getragen wird.
Denn die Wahrheit ist doch: Russland führt längst einen hybriden Krieg gegen Europa – mit Cyberangriffen, Sabotage, Spionage und Desinformation. Wer glaubt, wir könnten uns heraushalten, hat die Logik dieses Angriffs nicht verstanden. Europa wird kämpfen müssen – wenn nicht militärisch, dann politisch, wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich. Darauf müssen wir uns vorbereiten: durch Entschlossenheit, Resilienz und die klare Entscheidung, dass die Ukraine nicht fallen darf.
Harm Adam und Benedikt Spendel
Die Autoren sind Landesvorsitzende der Europa-Union und der JEF in Niedersachsen. Der Artikel gibt ihre persönliche Auffassung wieder.